Wer kann das größte Rätsel des Outbacks lösen?

Mitten im einsamen Outback Australiens versteckt sich ein riesengroßes Kunstwerk, das nur aus der Luft erkennbar ist: Der „Marree Man“, den ein unbekannter Künstler vor 20 Jahren in die rote Erde geritzt hat. Nun will ein Australier das größte Rätsel des Outbacks lösen und setzt eine Belohnung aus.

Rote Erde, karge Büsche und Felsen: Vom Boden aus ist das Kunstwerk, das die Wüste 60 Kilometer westlich des Outbackortes Marree und über 600 Kilometer nördlich von Adelaide ziert, nicht erkennbar. Erst aus der Luft fügen sich die tiefen Ritzen im Boden plötzlich zusammen: Zum Abbild eines gigantisch großen Mannes. Die mystisch anmutende Figur steht aufrecht, den linken Arm erhoben – ein Jäger, der im Begriff ist, einen Speer zu werfen. Insgesamt ist das Kunstwerk über vier Kilometer lang und hat einen Umfang von 28 Kilometern.

Stecken die Ureinwohner, Soldaten oder gar Außerirdische dahinter?

Genau 20 Jahre ist es her, dass ein Buschpilot den „Marree Man“ von der Luft aus entdeckt hat. Seitdem rätselt ganz Australien, wer das Kunstwerk ins Outback geritzt hat, das es durchaus mit anderen Geoglyphen wie den Nazca-Linien in Peru oder dem Uffington White Horse in Großbritannien aufnehmen kann. Ein australischer Unternehmer, der sich seit Jahren um die Aufklärung des Geheimnisses bemüht, hat nun 5000 australische Dollar (über 3000 Euro/fast 3700 Franken) als Belohnung für Informationen ausgeschrieben, die das Geheimnis lüften.

Dick Smith, einer der reichsten Männer Australiens, hat sich sämtliche Theorien angehört: Dass der inzwischen verstorbene australische Künstler Bardius Goldberg dahinter stecke, der oft darüber sprach, ein Kunstwerk schaffen zu wollen, das aus dem Weltraum sichtbar ist, dass lokale Aborigines, amerikanische und australische Soldaten oder sogar Außerirdische in das Geheimnis verwickelt seien.

„Keiner könnte hier 20 Jahre lang den Mund halten.“

„Es gab so viele verschiedene Behauptungen und die einzige, an die ich nicht glaube, ist, dass es aus dem Weltraum stammt“, sagte Smith gegenüber dem lokalen Radiosender ABC. Die überdimensionale Zeichnung habe keine Fehler und sei sehr professionell gemacht. „Ich kann nicht sehen, wie sie von einer Person gemacht werden konnte, man muss schon drei oder vier dafür haben, und es muss Wochen gedauert haben“, sagte Smith. „Wie wurde es in so einem Fall seit 20 Jahren geheim gehalten?“

Letzteres fragt sich auch Phil Turner. Turner betreibt das Marree Hotel und bietet Flüge für Urlauber an, die das Kunstwerk aus der Luft sehen wollen. Turner war es auch, der die Erdzeichnung vor zwei Jahren mühevoll restauriert hat. „Es war schon ganz verblasst und durch Erosion beschädigt“, berichtete er in einem Telefoninterview. Zusammen mit einem Vermesser habe er die Umrisse mit einer Planiermaschine nachgezogen. „Das war eine enorm große Arbeit“, sagte er. Jetzt sei der „Marree Man“ jedoch wieder gut aus der Luft zu erkennen. Turner ist sich sicher, dass der Künstler nicht aus Marree stammt. „Keiner könnte hier 20 Jahre lang den Mund halten.“ Auch die Ureinwohner kommen seiner Meinung nach nicht in Frage. Als der „Marree Man“ entdeckt wurde, seien diese inmitten eines Disputs um Länderrechte gewesen. Außerdem habe ihnen die Zeichnung zunächst sehr missfallen. „Inzwischen sind es aber nur noch wenige Leute, die etwas dagegen haben.“

GPS-Technologie als Indiz

Auch wenn sich Turner nicht sicher ist, ob er wie Smith unbedingt die Wahrheit wissen will – ganz kann auch er das Rätseln nicht lassen. Beide Männer glauben, dass Satellitentechnologie verwendet werden musste, um eine so exakte Figur zu erstellen. Doch als das Kunstwerk 1998 entdeckt wurde, war exakte GPS-Technologie für die zivile Bevölkerung noch nicht zugänglich. „Damals hatten nur die Amerikaner genaue GPS-Technologie“, sagte Turner. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton entschied erst 2000, Störsignale zu entfernen und die Technologie somit auch für zivile Nutzung genauer zu machen.

Letzteres würde auf amerikanische Soldaten als Urheber hindeuten. Dafür spricht auch eine Art „Presseerklärung“, die noch vor der Entdeckung des Kunstwerkes an das Marree Hotel und die lokale Zeitung in Adelaide geschickt worden war. Diese enthielt amerikanisches Englisch und sprach beispielsweise von „Meilen“ anstatt von „Kilometern“. Außerdem wurde eine Gedenktafel mit der US-Flagge und den Olympischen Ringen in dem Areal gefunden.

Andere wiederum halten all das für eine Art Ablenkungsmanöver. Auch Turner selbst ist sich nach wie vor unsicher: Er weiß nur, dass die ursprüngliche, etwa 20 bis 30 Zentimeter tiefe und bis zu 35 Meter breite Ritze mit einer Art Pflug und einem Traktor gemacht worden sein muss und dass der Umriss mit Bambusstöcken abgesteckt war. „Es müssen mehrere Menschen beteiligt gewesen sein und es muss mehrere Wochen gedauert haben“, sagte er. Dass so etwas 20 Jahre lang nicht aufgeflogen sei und niemand darüber gesprochen habe, das sei schon „sehr bemerkenswert“.

Barbara Barkhausen