Wenig Ruhm und Ehre für James Cook

250 Jahre ist es her, dass der britische Seefahrer James Cook mit seinem Schiff „Endeavour“ in Australien landete. Dies wollte die australische Regierung groß feiern und einen Nachbau des Schiffs um Australien segeln lassen. Doch die Coronakrise macht den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Für die Ureinwohner eine späte Genugtuung…

Die Ironie lässt sich nicht völlig ignorieren. All die großen Pläne, die der australische Premierminister Scott Morrison schmiedete, um das 250. Jubiläum der Ankunft von James Cook in Australien zu feiern, sind Covid-19 zum Opfer gefallen. Die Reise der nachgebauten „Endeavour“, die einmal um Australien segeln sollte, ist abgesagt. Fast sieben Millionen Australische Dollar oder umgerechnet rund 4,2 Millionen Euro hatte die Regierung dafür veranschlagt.

Pockenepidemie tötete viele Ureinwohner

In gewisser Hinsicht ist dieses „stornierte“ Jubiläum für die Ureinwohner des Kontinents eine späte Genugtuung. Viele Aborigines empfanden die Pläne der Regierung als eine „skandalöse Beleidigung“, wie Michael Anderson es formulierte. Der Stammesälteste und Führer des Euahlayi-Volkes im Norden des australischen Bundesstaates New South Wales sah die geplanten Feierlichkeiten als ein „Verleugnen jeglicher Verantwortung für die koloniale Vergangenheit des Landes“.

Tatsächlich wird dem im britischen Umfeld gefeierten Forscher, Entdecker und Seefahrer von indigener Seite die Schuld für die vielen Leiden zugesprochen, die die Aborigines in der Folgezeit durch die Kolonialisierung des Kontinents erlitten. Eines der schlimmsten war neben zahlreichen Massakern eine Pockenepidemie, bei der 1789 bis zu sieben von zehn Aborigines ums Leben kamen.

Ureinwohner stellen Geschichte in Frage

Während das Gedenken an James Cook aufgrund der Coronakrise eher unterging, ergriffen die Ureinwohner die Chance, die bisher niedergeschriebene Geschichte in Frage zu stellen. Denn bisher haben die Geschichtsbücher nur die Version festgehalten, die aus den Tagebüchern der Besatzung der „Endeavour“ bekannt ist.

Demnach lief das Schiff am Nachmittag des 29. April 1770 in eine Bucht des heutigen Sydneys ein und wurde dort von den Ureinwohnern am Ufer bedroht. Sydney Parkinson, ein junger Künstler, der auf dem Schiff arbeitete, schrieb in sein Tagebuch, dass einheimische Männer mit Speeren drohende Gesten machten und die Worte „Warra warra wai“ schrien. Er vermutete, dass die Worte „weggehen“ bedeuteten, doch die Nachfahren des lokalen Stammes der Dharawal korrigierten diese Version nun.

Drohende Geste als Schutz vor Geistern

Laut eines Berichts des staatlichen Senders ABC wurde die wahre Bedeutung dieser ersten aufgezeichneten indigenen Wörter falsch interpretiert. „‚Warra‘ ist in unserer Sprache ein Wurzelwort für entweder ‚weiß‘ oder ‚tot‘“, sagte Ray Ingrey, ein Dharawal-Mann und stellvertretender Vorsitzender des La Perouse Local Aboriginal Land Council.

Ingrey sagte, dass es falsch sei, das Wort nur als „weggehen“ zu übersetzen. Vielmehr habe sein Stammesvorfahre mit dem Ausspruch sagen wollen – „Sie sind alle tot“. Dies könne nicht nur als Drohung gegenüber den Weißen verstanden werden, sondern vielmehr als eine Warnung für die anderen Einheimischen. „Als unsere Vorfahren die ‚Endeavour‘ ankommen sahen, dachten sie tatsächlich, es sei eine tief liegende Wolke, weil sie nur Weiß sehen konnten“, sagte er. „In der Dharawal-Kultur bedeutet diese tief liegende Wolke, dass die Geister der Toten in ihr Land zurückgekehrt sind.“ Indem sich die Männer der Landung widersetzten, hätten sie ihr Land auf spirituelle Weise vor diesen Geistern geschützt.

Ray Ingrey wünscht sich, dass mehr Menschen lernen und verstehen, wie sich die Ankunft von James Cook in Australien durchaus anders als bisher niedergeschrieben abgespielt haben könnte. Dabei wolle er die Bedeutung von James Cook als Entdecker gar nicht außer Acht lassen, sagte Ingrey. „Die Geschichte zeigt jedoch, dass ein Großteil der wahren Geschichte bei der Invasion von Ländern entweder ausgelöscht oder falsch dargestellt wird.“

Barbara Barkhausen