Wasserratten: Tödliche Waffe gegen Aga-Kröten

Aga-Kröten machen den einheimischen Tieren Australiens das Leben schwer. Selbst Krokodile verenden, wenn sie die Giftkröten fressen. Bisher konnte die Wissenschaft die invasive Art nicht in den Griff bekommen. Jetzt helfen die einheimischen Wasserratten nach.

Es gibt wenige Tiere, die Australier mehr hassen, als Aga-Kröten: Tatsächlich haben die bräunlichen Amphibien mit ihren hervorstechenden Augen schon rein äußerlich wenig Attraktives an sich. Doch noch zusätzlich dazu besitzen die Kröten Drüsen am Kopf, die ein starkes Gift absondern, das selbst beim Menschen die Herzschlagfrequenz und den Blutdruck erhöhen und unter Umständen leichte Halluzinationen auslösen kann. Vögel, Warane, Beutelmarder, Krokodile und Schlangen, die die Kröten fressen, sterben meist qualvoll an dem Gift.

Ursprünglich stammen die Aga-Kröten aus Süd- und Mittelamerika. Nach Australien kamen sie in den 1930ern. Farmer wollten damals mit ihnen den Zuckerrohrkäfer bekämpfen, der große Ernteschäden im Land verursachte. Doch dieses Vorhaben schlug fehl und die Kröte breitete sich unkontrolliert aus: Heute kommen die Tiere in Teilen von New South Wales, Queensland, in Westaustralien und im Northern Territory vor, wo sie selbst den Kakadu Nationalpark befallen, der als einer der schönsten Nationalparks des Landes gilt.

Wie ein Chirurg mit seinem Skalpell

Doch nun haben Wissenschaftler in der Kimberley-Region in Westaustralien eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Sie stellten fest, dass die dort einheimischen Wasserratten offensichtlich gelernt haben, die Aga-Kröten zu töten und zu verspeisen, ohne an ihrem Gift zu sterben. So fressen die intelligenten Nager nur bestimmte Teile der Kröte.

Die Biologin Marissa Parrott von der Universität von Melbourne entdeckte, dass die Ratten die Brust der Kröte ähnlich wie ein Chirurg mit seinem Skalpell mit ihren Zähnen aufschlitzen. In all den toten Aga-Kröten, die sie gefunden habe, seien Herz und Leber fachmännisch entfernt und offensichtlich gefressen worden, während die Gallenblase, die giftige Gallensalze enthielt, entfernt und außerhalb des Körpers platziert worden sei, sagte sie dem Medium Vice. „Ich fand eine Reihe sehr großer, toter Aga-Kröten“, berichtete die Forscherin. „Und alle lagen auf dem Rücken – mit fast chirurgischen Schnitten in der Brust.“ Jeden Tag hätte sie wieder bis zu fünf neue Leichen gefunden.

Ratten lernten Überlebenstaktik innerhalb von zwei Jahren

Parrott stellte Infrarotkameras auf und entdeckte, dass lokale Wasserratten hinter dem gruseligen Fund steckten. Sie hatten innerhalb von nur zwei Jahren, nachdem die Aga-Kröten die Region überrannt hatten, herausgefunden, wie sie die Kröten außer Gefecht setzen, töten und fressen können.

Meist fraßen die Ratten nur größere Kröten. Im Falle von mittelgroßen Tieren ließen sie sich außer Herz und Leber auch noch den einen oder sogar beide Oberschenkelmuskel schmecken und enthäuteten diese dafür, um nicht in Kontakt mit der giftigen Haut der Kröte zu geraten. Zuvor hatten Wissenschaftler zwar schon beobachtet, wie Warane die Kröten bewusst mieden oder Schwarze Milane lernten, wie sie sie gefahrlos töten können, doch die Wasserratten gehen mit einer bisher nicht gekannten Präzision vor.

Mit Wurst gegen Kröten

Trotzdem glaubt die Forscherin nicht, dass die Ratten als Waffe gegen die Aga-Kröten ausreichen. Denn die Kröten profitieren davon, dass sie eine enorme Reproduktionsrate haben: Weibliche Tiere können zwischen 8000 und 35.000 Eier auf einmal legen und das gleich zweimal pro Jahr. Die Kröten wachsen zudem sehr schnell und können in warmem Klima schon innerhalb eines Jahres ausgewachsen sein.

Deswegen haben auch wenige der Maßnahmen gegen die Kröteninvasion bisher gefruchtet. Sogenannte „Toad Buster“-Aktionen, bei denen Kröten in großen Mengen eingesammelt und „entsorgt“ werden, bringen nur kurzzeitig und lokal Erleichterung. Auch Spürhunde, die den Vormarsch der Kröte eindämmen sollen, helfen nur regional.

Da den Kröten so schwer beizukommen ist, versucht man seit 2016 nun noch eine weitere Taktik: Man verarbeitet die verhassten Kröten zu Wurst. Diese ist nicht für den menschlichen Verzehr gedacht, vielmehr wird ihr Salz beigemischt, das bei anderen Tieren Übelkeit verursacht. Auf diese Weise lernt die einheimische Tierwelt, doch besser einen großen Bogen um die Kröten zu machen.

Barbara Barkhausen (Text & Foto)