Sydney und Melbourne machen dicht

Obwohl Australiens Grenzen seit Freitag dicht sind, ging das Leben in Großstädten wie Sydney bisher verhältnismäßig normal weiter. Vollgepackte Strände rüttelten das Land am Wochenende jedoch auf: Großstädte wie Sydney und Melbourne wollen diese Woche noch in den „Lockdown“.

Eigentlich hoffte Australiens Premierminister Scott Morrison, dem Coronavirus mit „Social Distancing“ Herr zu werden. Ruhe bewahren und weitermachen – „Keep calm and carry on“ – war bisher seine Devise.

Morrison wollte, dass jeder Australier zu jeder Zeit vier Quadratmeter für sich allein habe. Sprechen die Menschen miteinander, sollten sie mindestens einen bis eineinhalb Meter Abstand halten. In einem Land wie Australien, das 21 Mal größer als Deutschland, 91 Mal größer als Österreich und 186 Mal größer als die Schweiz ist, sollte das kein Problem sein, dachte sich der Premierminister wohl.

Bondi Beach musste geschlossen werden

Doch die Australier wollten nicht so wie ihr Premier und in Großstädten wie Sydney klappte das „Social Distancing“, das sich Australiens Regierungschef wünschte, mehr schlecht als recht. Am Samstag mussten die Behörden den berühmten Bondi Beach schließen, nachdem sich die Sonnenanbeter wie Sardinen in der Dose stapelten. Der Gesundheitsminister reagierte auf dieses Verhalten der Bürger mit Verärgerung, der Polizeiminister des Bundesstaates New South Wales, in dem Sydney liegt, warnte, man werde noch weitere Strände schließen, sollten sich „die Leute nicht an die Regulierungen und Gesundheitswarnungen halten“. Sie hätten den Bondi Beach nicht geschlossen, weil sie die „Spaßpolizei“ seien – so David Elliott. „Einige der Fotos, die ich von dem Strand gesehen habe, zeigen Dutzende Familien, die öffentliche Duschen und Toiletten benutzen und dabei vollkommen ignorieren, was dieses Virus bedeutet.“

Doch die Nachricht schien nicht einzusinken. Am Sonntag mussten weitere Strände geschlossen werden, Cafés und Restaurants waren größtenteils nach wie vor proppenvoll. Zudem hatten die Behörden Ende vergangener Woche rund 2700 Kreuzfahrtpassagieren erlaubt, in Sydney auszusteigen, obwohl etliche davon an Covid-19 erkrankt waren. Am Wochenende kletterte die Zahl der Infizierten landesweit dann auf über 1000 Menschen.

Grenzen sind seit Freitag geschlossen

Die Folge am späten Sonntagabend war: Sydney, Melbourne und Australiens Hauptstadt Canberra werden wohl noch diese Woche sämtliche „nicht-essentiellen Geschäfte“ zumachen, die Schulen sollen verfrüht vor den Osterferien schließen. Viele hatten zuvor schon den Transfer zum Online-Lernen geprobt. Landesweit schließen Clubs, Casinos, Kinos und Kirchen beispielsweise. Restaurants und Cafés dürfen nur noch Take Away anbieten. Von der Außenwelt hat sich der fünfte Kontinent bereits seit Freitagabend abgeschottet. Ausländische Besucher dürfen bis auf Weiteres nicht mehr in Australien einreisen. Die nationale Fluglinie Qantas hat sämtliche internationale Flüge bis Ende Mai gestrichen und 20.000 Mitarbeiter in den unbezahlten Urlaub geschickt. Auch alle Australier sollen daheim bleiben und weder ins Ausland noch im Inland reisen, so die Bitte der Regierung. Vor allem die australischen Inseln machen dicht. Wer derzeit beispielsweise von Sydney nach Tasmanien möchte, muss sich dort erstmal zwei Wochen in Quarantäne begeben. Auch das Northern Territory, wo viele indigene Australier leben, sowie Süd- und Westaustralien setzen ähnlich strenge Regeln.

Streng überwacht wird inzwischen auch der Einkauf im Supermarkt. Denn als die weltweite Coronavirus-Panik über den fünften Kontinent zog, brach auch in Sydney der Kampf um Toilettenpapier, Nudeln, Reis, Tomatendosen und Medikamente aus. Es kam zu Schlägereien und Beleidigungen, bis sich Premierminister Scott Morrison persönlich einschaltete und seine Landsleute aufforderte, die Hamsterkäufe sofort einzustellen. Das sei „nicht australisch“.

Acht Seiten Toilettenpapier

Die „strenge Stimme“ des Regierungschefs rüttelte viele „Aussies“ offensichtlich auf: Denn nach der anfänglichen Panik haben inzwischen viele wieder ihren Humor und auch die berühmte Hilfsbereitschaft wiedergefunden. Supermärkte führten eine Stunde am Morgen ein, während der nur ältere Menschen einkaufen dürfen, die zuvor beim „Run“ auf all das, was man zum (Über-)Leben braucht, den Kürzeren gezogen haben. Auf Facebook formierten sich Gruppen, die Hilfe für Menschen anbieten, die in Quarantäne gehen müssen oder sich selbst nicht so gut versorgen können wie andere. Auf der Seite „Viralkindness Northern Beaches“ in Sydney verschenkt eine Frau Toilettenpapier für ältere Menschen, ein Mann, dessen Arbeitsstunden in der Krise gekürzt wurden, bietet seinen „Ute“ an, um kostenlose Lieferungen auszufahren.

Den Klopapier-Notstand glich eine Zeitung aus: Die NT News, die für ihre humorvollen Titelseiten bekannt ist, druckte eine Spezialausgabe, bei der acht extra Seiten wie Toilettenpapier bedruckt waren, die sich ausschneiden ließen. Der „Aussie Spirit“ und auch der Humor scheinen zurückgekehrt, nachdem sie zeitweise in „Panik-Urlaub“ waren.

Barbara Barkhausen