Pazifik: Frankreich könnte sein Südseeparadies verlieren

Am 4. November werden die rund 275.000 Bürger Neukaledoniens über die Zukunft ihrer Inselgruppe abstimmen. Soll das Territorium im südlichen Pazifik weiter in französischer Hand bleiben oder selbstständig werden? Die Gemüter sind gespalten.   

Im Wahlkampf sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron noch, dass Neukaledonien Teil von Frankreich bleiben solle. Inzwischen hat die Regierung Macron jedoch kategorisch erklärt, nicht Partei ergreifen zu wollen. Trotzdem will der Präsident laut lokaler Medienberichte die Inseln Anfang Mai besuchen und den persönlichen Kontakt suchen.

Unabhängigkeit: Wirtschaftlich machbar

Vor Ort sind die Gemüter schon jetzt erhitzt: „Die Empfindlichkeiten sind gestiegen“, schreibt beispielsweise das australische Lowy-Institut, das sich vorwiegend mit Außenpolitik beschäftigt, in einem aktuellen Bericht, der die Auseinandersetzungen lokaler Politiker beschreibt. Sollte die Mehrheit der rund 275.000 Einwohner am vierten November die Autonomie unterstützen, wäre Neukaledonien das erste französische Territorium in der Region seit 1980, das sich von der Mutter Frankreich löst. Zuletzt hatte sich Vanuatu abgespalten. Wirtschaftlich gesehen könnte sich Neukaledonien die Unabhängigkeit erlauben. Die Inselgruppe im südlichen Pazifik besitzt große Nickelvorkommen und ist ein beliebtes Urlaubsziel.

Bevölkerung ist gespalten

Grundsätzlich unterstützen die 39 Prozent melanesischer Ureinwohner, die sogenannten Kanaken, die Unabhängigkeit, während die französischstämmigen Einwohner (rund 27 Prozent) bei Frankreich verbleiben wollen. Der Rest der Einwohner stammt laut einer Volksbefragung aus dem Jahr 2014 aus anderen Pazifikstaaten sowie aus Indonesien oder China.

„Viele glauben, dass das Ergebnis so aussehen wird, dass 60 Prozent der Wähler bei Frankreich bleiben wollen“, schreibt das Lowy Institut. Sollten die Wähler beim ersten Mal tatsächlich mit „Nein“ zur Unabhängigkeit abstimmen, müssen bis 2021 noch zwei weitere Abstimmungen abgehalten werden.

In den 1980ern kam es zu Blutvergießen

Australien hält ein Auge auf die Abstimmung in seinem nur 1200 Kilometer entfernten Nachbarland, da es bei einem ersten Referendum Mitte der 1980er Jahre zu blutigen Zusammenstößen zwischen Unabhängigkeitsaktivisten und Polizei und Militär sowie zu Gewalt zwischen Ureinwohnern und Europäern kam. Damals starben bis zu 70 Menschen. Die Eskalation der Gewalt war eine Geiselnahme während der französischen Präsidentschaftswahlen 1988, bei der über 20 Menschen ums Leben kamen.

Auch heute sind Kanaken und Europäer nach wie vor bitter gespalten. Die meist wohlhabenderen, europäisch-stämmigen Bewohner werfen den jungen Einheimischen beispielsweise vor, für viele Einbrüche und andere Verbrechen in der Inselgruppe verantwortlich zu sein, wie der „Guardian“ berichtet.

 

Kurze Geschichte Neukaledoniens

1774: Der britische Entdecker Kapitän James Cook gibt der Inselgruppe den Namen Neukaledonien. Vom Schiff aus erinnert ihn die Landschaft an Schottland.

1853: Napoleon III. beansprucht die pazifische Inselgruppe, die zur Landmasse Zealandia gehört und rund drei Flug-Stunden von Sydney entfernt ist, für Frankreich und wandelt sie in eine Strafkolonie um.

1980er: Bei blutigen Auseinandersetzungen während eines ersten Referendums und der französischen Präsidentschaftswahl sterben über 70 Menschen.

2003: Die französische Außenstelle im Pazifik wird eine Überseegemeinschaft mit besonderem Status. Sie entsendet derzeit zwei Abgeordnete an die französische Nationalversammlung und zwei in den französischen Senat.

(Barbara Barkhausen)