Neue Münze feiert indigene Sprachen

Lang war ihnen die Anerkennung verwehrt worden: Hunderte indigene Sprachen gingen in Australien im Assimilierungsprozess über die Jahrhunderte verloren. Nun feiert eine neue 50-Cent-Münze den Sprachschatz der australischen Ureinwohner. Für die Aborigines ist es eine lang überfällige Würdigung ihres Kulturgutes.

„Pirrki“, „Wangarri“ oder „Budaru“ – übersetzt bedeuten diese Worte „Münze“. Sie alle stammen aus einer Sprache der australischen Ureinwohner. Insgesamt zieren 14 Worte aus 14 indigenen Sprachgruppen die neue australische 50-Cent-Münze. Die Münzen sollten die „einzigartigen“ indigenen Sprachen Australiens feiern, erklärte Ross MacDiarmid, der Chef der Gelddruckerei in Adelaide, wo die Münze produziert wird. Denn es gelte, diese Sprachen „zu erhalten, zu schützen und wiederzubeleben“.

2019: „Jahr der indigenen Sprachen“

Australien hat 2019 das „Jahr der indigenen Sprachen“ eingeläutet, doch die Bemühungen, zumindest einen Teil des verlorenen Wissens zurückzuholen, laufen seit längerem. So kämpft vor allem der israelische Professor Ghil’ad Zuckermann von der Universität von Adelaide darum, ausgestorbene indigene Sprachen wieder zu neuem Leben zu erwecken, eine Aufgabe, die nicht immer einfach ist.

„Ich glaube, dass sich die meisten Menschen mehr für gefährdete Tiere interessieren als für gefährdete Sprachen“, sagte Zuckermann einst in einem Interview. „Der Grund ist, dass Tiere greifbar sind.“ Koalas seien süß, Sprachen dagegen abstrakt.

Einzigartige Sprachkonzepte

Als die Europäer nach Australien kamen, wurden noch mehr als 250 Sprachen auf dem Kontinent gesprochen. Durch die geografische Isolation des Landes hatten viele dieser Sprachen einzigartige grammatikalische Strukturen und Konzepte entwickelt, die in anderen Teilen der Welt nicht bekannt waren. So gibt es in der Sprache Guugu Yimithirr, aus der auch das Wort Känguru stammt, beispielsweise kein Konzept von links oder rechts. Stattdessen bezieht man sich nur auf die jeweilige Himmelsrichtung.

2016 erfasste die letzte Volkszählung noch 775 Menschen australienweit, die Guugu Yimithirr sprachen, und so ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch der letzte, der der Sprache mächtig ist, verschwindet. Jiwarli, das in Westaustralien gesprochen wurde, sprach in den 1980ern beispielsweise nur noch ein einziger Mann namens Jack Butler. Mit seinem Tod im April 1986 starb auch Jiwarli aus. Heute sprechen noch zehn Prozent der australischen Ureinwohner zu Hause eine indigene Sprache (Stand 2016). Diese knapp 64.000 Aborigines bedienen sich noch 120 bis 150 unterschiedlicher Sprachen, wobei bis auf 13 Sprachen alle gefährdet sind auszusterben.

Sprache ist wichtig für das Selbstwertgefühl

Die Sprachen verschwanden, nachdem Krankheiten oder Massaker ganze Volksgruppen auslöschten. Hauptverantwortlich war jedoch die Kolonisation an sich, die den Aborigines die englische Sprache aufzwang. Zu lange wurde somit kein Wert auf die jeweilige Muttersprache der Ureinwohner gelegt.

Dabei sind Sprachen für die Identität indigener Australier von zentraler Bedeutung. Eine nationale Studie des australischen Institute of Aboriginal and Torres Strait Islander Studies (AIATSIS) aus dem Jahr 2014 kam zu dem Schluss, dass Sprache das Wohlergehen und das Selbstwertgefühl in indigenen Gemeinschaften stärkt. „Indigene Sprachen haben mehr Bedeutung als die Wörter selbst, ähnlich wie Währung eine Bedeutung hat, die über den Geldwert hinausgeht“, sagte Craig Ritchie von AIATSIS.

„Wir haben 50 Jahre auf Sie gewartet”

Der israelische Professor Zuckermann versucht deswegen, indigenen Gemeinden zu helfen, ihre verlorenen Sprachen wiederzubeleben. So arbeitet der Professor daran, der bereits ausgestorbenen Sprache Barngarla aus Südaustralien neues Leben einzuhauchen. Moonie Davis, der letzte Überlebende, der sie noch gesprochen hat, ist zwar 1960 gestorben, doch Zuckermann stieß auf ein Wörterbuch mit etwa 2500 Worten, das ein lutherischer Missionar namens Robert Schürmann 1844 geschrieben hat.

Zudem schlug dem Israeli in der Gemeinde selbst Begeisterung entgegen, als er vorschlug, die Sprache und Kultur wiederzubeleben. „Wir haben 50 Jahre auf Sie gewartet”, sagten die lokalen Ureinwohner zu ihm, die seitdem in Workshops mit dem Professor daran arbeiten, die Sprache wieder in der Gemeinde zu etablieren.

Text: Barbara Barkhausen; Foto:  Royal Australian Mint, Adelaide