Der Fluch des Uluru

Der Uluru ist ein Wahrzeichen Australiens und ein Heiligtum der lokalen Aborigines. Steine aus dem Nationalpark zu entfernen, gleicht einem Sakrileg. Viele treibt deswegen im Nachhinein das schlechte Gewissen, einige berichten sogar von Pechsträhnen nach einem „Diebstahl“.

Jedes Jahr sind über 350 Päckchen an die Parkverwaltung des Uluru-Kata Tjuta National Park in Australien adressiert. Manche sind schwer, andere leichter, doch alle sind mit Steinen gefüllt, die Urlauber verbotenerweise am Uluru, dem berühmten Wahrzeichen im Zentrum Australiens, eingesammelt haben. Das schwerste soll 32 Kilo gewogen haben.

„Etwas von der Magie mitnehmen“

Manche treibt ganz einfach das schlechte Gewissen, da es strafbar ist, etwas aus einem Nationalpark zu entfernen. „Ich wollte für den Rest meiner Reisen, ja für den Rest meines Lebens, etwas von Ihrer Magie mitnehmen“, hieß es laut dem Magazin Australian Geographic in einem Brief aus Frankreich. „Ich weiß, dass es falsch war, dies zu tun, deshalb sende ich ihn Ihnen zurück. Verzeihen Sie, dass ich so dumm war.“ Im Päckchen war ein 220-Gramm schwerer Stein.

Andere Touristen behaupten, nach dem Diebstahl vom Unglück verfolgt worden zu sein. Der Australier Steve Hill hat seinen Stein sogar persönlich zurückgebracht. „Der Moment, in dem ich ihn zurückgelegt habe, fühlte sich an, als ob mir ein Gewicht von den Schultern genommen worden wäre“, sagte Hill der australischen Zeitschrift. Der Australier fuhr extra einen 3000 Kilometer langen Umweg, um den Stein, den er vom Inselberg entwendet hatte, persönlich wieder zurückzubringen. Hill versicherte, dass er in den Wochen, nachdem er den Stein mitgenommen hatte, eine wahre Pechsträhne erlebt habe, darunter Autounfälle und teure Reparaturen an seinem Geländewagen.

Freunde wollten den Stein nicht einmal anfassen

Dabei hatte Hill den Stein nie in sein Haus genommen, sondern nur in der Garage gelagert. „Freunde wollten ihn aus Angst, Opfer des Fluches zu werden, nicht einmal anfassen“, sagte er im vergangenen Jahr seiner lokalen Tageszeitung „Canberra Times“. Auslöser für die persönliche Rückgabe sei dann der Moment gewesen, als sämtliche seiner Fotos von der ersten Reise zum Uluru ganz plötzlich von seinem Telefon verschwunden waren.

Hill behielt den Stein insgesamt ein Jahr lang, bevor er ihn wieder zurückbrachte, doch andere Urlauber senden die Steine bis zu 40 Jahre später zurück. Die lokalen Ureinwohner sprechen selbst nicht von einem Fluch, der diejenigen befällt, die Steine mitnehmen. Sie sehen es vielmehr als eine Respektlosigkeit.

Zurückerstattete Steine werden zum Problem

Ähnliches gilt auch für das Erklettern des Inselberges: Es wird deswegen nun im Oktober 2019 verboten. Ein Gremium begründete das Verbot damit, dass der Uluru „kein Spielplatz oder Freizeitpark wie Disneyland“ sei. Außerdem kamen bereits 37 Menschen beim Besteigen des 348 Meter hohen Berges ums Leben.

Ein Erklettern lässt sich nicht rückgängig machen, das Mitnehmen der Felsen durchaus. Trotzdem ist der Vorgang für die Parkwächter ein komplexes Problem: Denn einen Stein an die falsche Stelle zurückzubringen, wäre erneut respektlos gegenüber den Aborigines. Außerdem besteht bei Steinen, die an anderer Stelle in Australien oder sogar im Ausland lagen, die Gefahr, dass Mikro-Pathogene in die Parklandschaft eingeführt werden. Letztere könnten dem sensiblen Ökosystem im Outback ernsthafte Schäden zufügen. Deswegen müssen Steine aus dem Ausland vom australischen Quarantänedienst behandelt werden, bevor sie zum Uluru zurückkehren dürfen.

Australiens heiliger Berg

Der Uluru – auch Ayers Rock genannt – ist etwa fünf Autostunden von Alice Springs entfernt – mitten im heißen Zentrum Australiens. Der große, rote Outbackfelsen ist ein sogenannter Inselberg, die Spitze einer Felsformation, die unter der Erde noch kilometerweit weitergeht.

Ernest Giles und William Gosse waren die ersten Europäer, die die Region im 19. Jahrhundert einst erkundeten. Der Vermessungsingenieur und Entdecker William Gosse benannte ihn 1873 schließlich nach dem damaligen Premierminister Südaustraliens, Sir Henry Ayers. Der Felsen ist nicht nur Weltkulturerbe, sondern vor allem das Heiligtum der in der Region ansässigen Aboriginal Völker – der Pitjantjatjara und Yankunytjatjara, die sich selbst Anangu nennen, was ursprünglich „Menschen“ bedeutet. Die Anangu nennen den Berg Uluru, ein Name, der sich inzwischen allgemein durchgesetzt hat.

Entstanden ist der Uluru durch Erdbewegungen vor hunderten Millionen vor Jahren wie Geologen vermuten. Die Aboriginal Traditionen erzählen dagegen von Ursprungs-Wesen wie Menschen, Pflanzen und Tieren, die einst leere Erde überquerten und dabei Landschaftsformen wie eben den Uluru hinterließen. Wieder andere Geschichten berichten von Schlangen oder von zwei Jungen, die im Schlamm spielten und den Uluru erschufen.

Barbara Barkhausen