Allergisch auf Australien

Während eines seltenen Wetterphänomens starben in Melbourne 2016 zehn Menschen. Ein Pollensturm hatte Asthmaanfälle ausgelöst. Jetzt stellte eine Untersuchung fest, dass vor allem Einwanderer betroffen waren. Sie hatten nach dem Umzug nach Australien plötzlich Asthma und Allergien entwickelt.

Der Sturm, der im November 2016 über Melbourne zog, traf die Rettungskräfte vollkommen unerwartet. Ein Gewitter hatte Weidelgraspollen zum Platzen gebracht und starke Winde hatten die winzigen Blütenstaubteilchen über der Metropole mit ihren 4,5 Millionen Einwohnern verstreut. Innerhalb kürzester Zeit gingen Tausende Anrufe in den Rettungszentralen ein. Selbst Menschen, die zuvor nicht an Asthma gelitten hatten, klagten plötzlich über Atembeschwerden. Tausende Menschen mussten behandelt werden, zehn Menschen überlebten das Asthma-Gewitter nicht.

Ein solcher Pollensturm ist ein extrem seltenes Wetterphänomen. Obwohl es ähnliches bereits in den USA, Kanada, Italien und Großbritannien gab, hatte ein solcher Sturm noch nie so viele Tote gefordert wie in Melbourne. Nach heißen Sommertagen hatte das Gewitter den Menschen die ersehnte Abkühlung gebracht. Tausende waren ins Freie geströmt, um die kühlere, feuchte Luft zu genießen – nichtsahnend, dass sie damit unzählige, winzige Blütenstaubteilchen einatmeten, die tief in die Atemwege eindrangen.

Vor allem Asiaten waren betroffen

Über die vergangenen zwei Jahre haben australische Ärzte die Vorfälle nun bis ins kleinste Detail ausgewertet und bei der Datenanalyse festgestellt, dass vor allem Einwanderer und dabei vor allem Menschen aus Indien und aus anderen asiatischen Ländern betroffen waren. Von den zehn Verstorbenen stammten sechs aus Indien oder anderen Teilen Asiens.

Von den Menschen, die in Intensivstationen behandelt werden mussten, waren 19 von 35 Patienten außerhalb Australiens geboren worden. Innerhalb von 30 Stunden mussten über 3000 Menschen wegen Atemproblemen in Notaufnahmen behandelt werden. Fast 500 Menschen mussten wegen Asthmaanfällen ins Krankenhaus eingewiesen werden. Ein großer Teil seien Menschen aus Indien, Sri Lanka oder Südostasien gewesen, hieß es in dem Bericht zur Studie.

Keine Probleme in den ersten fünf Jahren im Land

Die meisten Einwanderer hatten nie zuvor Probleme mit Asthma oder Allergien gehabt und hatten die Krankheit erst nach ihrer Ankunft in Australien entwickelt. Ein typisches Muster für Menschen aus Asien sei, dass sie die ersten fünf Jahre in Australien gesund seien, sagte der Asthma-Spezialist Francis Thien der lokalen Tageszeitung The Age. „Zwischen fünf und zehn Jahren entwickeln sie Heuschnupfen, und dann bekommen sie Asthma.“

Der Befund sei unerwartet gewesen und habe viele Fragen aufgeworfen, hieß es in dem Bericht zur Studie. Völlig lösen können die Mediziner das Rätsel nicht. Vermutungen gehen in die unterschiedlichsten Richtungen: Veränderte Hygiene-Standards oder Ernährungsumstellungen werden diskutiert. Eine weitere Vermutung der Mediziner ist, dass Menschen, sobald sie auf andere Allergene als zu Hause treffen, Allergien entwickeln. Allerdings könnten auch Faktoren wie mangelndes Wissen über Asthma, unterschiedliche kulturelle Ansichten oder ein ungleicher Zugang zu medizinischer Versorgung und Präventivmedikamenten die Ergebnisse verzerrt haben, hieß es.

Australien: Eine der höchsten Asthma-Raten der Welt

Australien hat eine der höchsten Asthma-Raten der Welt: Einer von neun Australiern leidet unter Asthma. In der Kindheit tritt die Krankheit vermehrt bei Jungen auf, ab 15 Jahren ist sie jedoch bei Frauen häufiger. Die Ureinwohner sind besonders betroffen und wie die aktuelle Studie zeigt, leiden auch Migranten aus Asien und anderen nicht-westlichen Ländern vermehrt an Asthma.

Auch eine frühere Studie aus dem Jahr 1996 deutete dies bereits an. Schon damals stellte man fest, dass die Wahrscheinlichkeit, Heuschnupfen zu entwickeln, bei asiatischen Einwanderern doppelt so groß war wie bei Menschen, die in Australien geboren wurden. Und auch im Rahmen dieser Studie kamen die Forscher bereits zu dem Ergebnis, dass die Menschen anfälliger für Allergien waren, je länger sie in Australien lebten.

(Barbara Barkhausen)